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„Der Weltraum muss unser Gemeinbesitz bleiben!“

Themen-Zoom der Ackermann-Gemeinde mit dem Maroniten-Pater Antoine Abi Ghanem

Die Aufrüstung im Weltall und die Gefahren, die davon ausgehen, waren Thema beim jüngsten Themen-Zoom der Ackermann-Gemeinde, zu dem 40 PCs bzw. Smartphones zugeschaltet waren. Darüber Auskunft gab der Maroniten-Pater Antoine Abi Ghanem, der aus dem Libanon stammt und seit über 20 Jahren im Auftrag des Vatikan bei der UNO in Genf tätig ist.

Moderator Rainer Karlitschek stellte den Pater näher vor: nach dem Studium der Theologie und Philosophie im Libanon studierte er in Paris und Tübingen. Zehn Jahre war er im Libanon Dozent für die Themen Menschenrechte und Minderheiten. Diesen Themen widmete er sich ab 1999 auch rund drei Jahre in Genf bei seiner Tätigkeit für den Heiligen Stuhl. Etwa 20 Jahre wirkte er dann als Attaché für Abrüstung und Sicherheitsfragen des Heiligen Stuhls bei der UNO in Genf und New York. Derzeit ist er Mitglied einer Arbeitsgruppe, die sich mit dem Thema der Aufrüstung im Weltall und ihren Folgen befasst. Daneben beschäftigt er sich mit Demokratiefragen, insbesondere im Nahen Osten, und kann daher aus erster Hand berichten, wie sich der Beobachterstatus des Vatikans auswirkt auf die Gesprächs- und Interventionsmöglichkeiten der Katholischen Kirche, die bei allen aktuellen kriegerischen Konfliktlagen engagiert ist.

„Seit 2002 beschäftige ich mich mit Abrüstung und Sicherheitsfragen, also auch mit Waffen und allen Arten und Dimensionen von Krieg, Frieden und Abrüstung“, stellte der Pater einleitend fest. Eine wichtige Aufgabe sei es, Dokumente des Vatikans zu diesem Thema in die Diskussion einzubringen, zumal Aspekte wie Cyber-Angriffe und Künstliche Intelligenz verstärkt in diesen Bereich einwirken. Seit 18 Monaten arbeitet er in dem Weltraum-Projekt mit, dessen Ergebnisse wohl im April veröffentlicht werden.

Ausgehend von der ursprünglich faszinierenden Bedeutung des Himmels und auch des Weltraums kam Pater Ghanem auf die militärische Dimension, die im Zweiten Weltkrieg mit den deutschen Raketen V1 und V2 begann und nach 1945 vor allem in der Sowjetunion und in den USA in Weltraum-Programmen ihre Fortsetzung fand – zunächst wissenschaftlich, dann auch mit militärischen Hintergründen. „Heute wird unser Leben in vielen Sachen vom Weltraum bestimmt“, stellte der Pater fest und verwies auf GPS, Wetterdienste, Navigation sowie Nutzungen in der Landwirtschaft oder Telemedizin über Satelliten. Diese haben in den letzten 20 Jahren (damals 400 bis 500) stark zugenommen. Aktuell befinden sich ca. 13.000 Satelliten im Weltraum, wovon 10.000 aktiv sind. Heute haben 30 bis 40 Länder Satelliten in der Erdumlaufbahn, zehn davon können diese selbst ins Weltall befördern, darüber hinaus Privatunternehmen. „Alle diese Momente machen die Sache komplexer und gefährlicher. Es entsteht zudem eine Zweiklassengesellschaft“, konstatierte der Referent auch im Hinblick auf ärmere Länder, die nicht über diese Möglichkeiten verfügen. Trotz militärischer Nutzung (auch Spionage) von Anfang an war der Weltraum bislang frei von Waffen. „Aber manche Länder fangen an darüber nachzudenken, dass sie Waffen – Nuklearwaffen – in den Weltraum schicken. Es folgt ein Wettlauf für Aufrüstung im Weltraum, der viel Geld kostet, das dann für Entwicklungshilfe und die Bekämpfung der Armut fehlt“, kritisierte Pater Ghanem.

Er sprach auch die Gefahr an, die von Teilen zerstörter Satelliten ausgeht. Bereits Teile, die größer als zehn Zentimeter sind, können verheerende Wirkungen auf andere Gegenstände im Weltraum haben – möglicherweise auch mit Folgen auf der Erde. „Alle werden verlieren“, mahnte der Geistliche und setzte sich daher für Konventionen ein, um die ausschließlich friedliche Nutzung des Weltraums zu stärken. Seitens der UNO wurden seit 1967 fünf derartige Konventionen auf den Weg gebracht, die vor allem betonen, dass der Weltraum „Besitz der Menschheit“ ist und nur für friedliche Zwecke benutzt werden darf. Schon damals wurde verboten, Massenvernichtungswaffen im Weltraum und auf dem Mond zu stationieren. „Aber die politische Dimension ist nicht mehr da, ist lahm. Seit 15/20 Jahren wird bei der Abrüstungskonferenz in Genf nichts mehr gemacht. Heute wird es immer schwieriger“, beschrieb der Referent die aktuelle Situation. Neben bzw. nach den Cyber-Aktivitäten und -Attacken gehen die Aktivitäten in den Weltraum, militärische Strukturen für Verteidigung und Offensive bestehen bereits – auch mit Blickrichtung Bodenschätze usw. Pater Ghanem verwies auf die vor allem diplomatischen Aktivitäten des Heiligen Stuhls in diesem Themenfeld und damit für den Frieden. „Heute müssen wir – alle internationalen Einrichtungen – daran arbeiten, dass der Weltraum bewahrt wird. Der Weltraum muss Gemeinbesitz bleiben. Diese Dimension ist eine zutiefst christliche und katholische. Das Gemeinwohl, der Gemeinbesitz muss verteidigt, ja bewahrt werden“, forderte er zum Abschluss seiner Ausführungen.

Im anschließenden Diskussionsteil ging es um die Möglichkeiten von Privatunternehmen (z.B. Elon Musk), die Rolle der UNO, Friedensinitiativen und Aktivitäten des Heiligen Stuhls. Pater Ghanem verwies auf die Verantwortung der Regierungen gemäß den Konventionen, und die notwendige Reform der UNO (und des Sicherheitsrates) aufgrund der veränderten Weltlage und der demografischen Entwicklungen. „Stückchenweise werden bei konkreten Krisen Friedensinitiativen durchdacht“, meinte der Pater. Er stellte aber auch fest, dass bei ca. 50 aktuellen Kriegen und Krisen nur über zwei oder drei geredet wird. Bezüglich der Unternehmungen des Papstes betonte der Pater die oft geheime Vermittlerrolle, wobei der Papst selbst oder Kardinäle vor allem im Kontext des Ukraine-Krieges aktiv waren und auch einige Erfolge erzielt werden konnten. „Man konnte ein paar Sachen erreichen, aber die Russen wollen auf niemanden hören“, bemerkte er hierzu. In der UNO habe der Heilige Stuhl, weil er keine ökonomischen, politischen oder militärischen Interessen vertritt, die Möglichkeit, mit Vertretern aller Länder zu reden. „Der Frieden ist eine Voraussetzung für das Glück der Menschen. Wenn wir keinen Frieden haben, können wir uns nicht entwickeln. Die Menschen sollen glücklich sein, Freude haben. Dafür brauchen wir Frieden“, appellierte der Pater. Er richtete den Blick aber auch auf den Aspekt der Christenverfolgung, zumal die am stärksten verfolgte Religion die Christen sind. „Wir müssen die Kirche nicht nur auf Rom oder den Westen reduzieren“, regte er an.

Gefragt von Moderator Karlitschek nach den Friedenschancen im Libanon verwies Pater Ghanem auf die pluralistischen Gegebenheiten (18 verschiedene Gemeinschaften) im Libanon und das politische System einer Proporzdemokratie. Ein dezentralisiertes System mit Autonomien könnte in Syrien etabliert werden. „Aber für diese Entwicklung braucht es viel Zeit“, fasste der Pater zusammen.

Markus Bauer

Der Maroniten-Pater Antoine Abi Ghanem bei seinem Vortrag.
Moderator Rainer Karlitschek bei seiner Begrüßung und Themen-Einführung.
Ein Teil der Zuhörerinnen und Zuhörer am Themen-Zoom.